Gerade die Ausbildung des Testpersonals für Software ist bis in die Gegenwart oft stark vernachlässigt worden - mit entsprechend negativen Folgen für die Qualität der Softwaresysteme. Seit November 2001 schließt das Berufsbild des zertifizierten Softwaretesters nach britischem Vorbild diese Qualifizierungslücke.

Da auch die Softwareindustrie um hohe Standards der Qualitätssicherung nicht herumkommt, werden an die Ausbildung zum Softwaretester hohe Ansprüche gestellt. Das Ausbildungskonzept umfasst drei Qualitätsstufen: Die erste Stufe, der Foundation Level, erreicht der Kursteilnehmer nach einem dreitägigen Softwaretest, Basic Training und einer anschließenden Prüfung. Auf dem Programm steht der gesamte Qualitätssicherungsprozess, von der Planung, Spezifikation und Durchführung bis hin zu den Möglichkeiten der Testautomatisierung. Daran schließt ein Practitioner Level an, dessen Kursumfang bei etwa acht bis zehn Trainingstagen liegt. Die einzelnen Inhalte werden derzeit erarbeitet, ebenso wie auf europäischer Ebene das Konzept für eine dritte Qualifikationsstufe.

In Deutschland ist dafür das German Testing Board zuständig: "Dazu gehören Trainingsanbieter, Testexperten aus Industrie- und Beratungsunternehmen sowie Vertreter des Arbeitskreises Test, Analyse und Verifikation von Software (TAV) der Gesellschaft für Informatik (GI). Unter dem organisatorischen Dach des Arbeitskreises Softwarequalität Franken (ASQF) entwickelt dieses Gremium die Lehrpläne und das Prüfungswesen weiter", führt ASQF-Geschäftsführer Robert Treffny aus.

Und auch an die Ausbildungsinstitutionen selbst werden hohe Maßstäbe angelegt. Die Fortbildung darf ausschließlich von akkreditierten Schulungsanbietern veranstaltet werden. Deren Neutralität und die Qualität der Trainings gewährleistet der ASQF als gemeinnütziger Verein. Das nach bestandener Prüfung ausgestellte Zertifikat weist den Besitzer als Certified Tester aus.
Wer eine solche Zertifizierung anstrebt, sollte über gute PC-Kenntnisse verfügen und weitreichend als IT-Anwender erfahren sein. Ein Informatikstudium oder eine fachspezifische Berufsausbildung sind nicht zwingend erforderlich, erleichtern aber vor allem in Hinblick auf so anspruchsvolle Aufgaben wie Testdesign und -automatisierung den Zugang zur Materie. Das Berufsfeld erweist sich im Gegensatz zu seinem Ruf bei näherem Hinsehen als außerordentlich vielschichtig und anspruchsvoll. Das Spektrum reicht von entwicklungsnahen und systemadministrativen Tätigkeiten bei der Testautomatisierung bis hin zu Consulting- und Projektleitungsaufgaben, etwa im Qualitätsmanagement. Wer Software testet oder die Vorarbeit dafür leistet, arbeitet mit modernster Technologie. Auf vorgefertigte Lösungen kann man nur selten zurückgreifen. Dieser kreative Aspekt hat sich inzwischen herumgesprochen. Die imbus AG, der erste akkreditierte Schulungsanbieter in Deutschland, dessen dreitägiges Basic Training seit Anfang des Jahres auf die Prüfung zum Foundation Level vorbereitet, ist jedenfalls mit der Nachfrage zufrieden.

Kreativität ist Voraussetzung

Die schöpferische Seite ist auch für wechselwillige Entwickler wichtig, die sich einst gegen die berufliche Perspektive Softwaretest entschieden hatten, weil sie diese Aufgabe für wenig kreativ und abwechslungsreich hielten. "Leider wird diese Aufgabe im Vergleich zur Programmiertätigkeit nach wie vor als wenig anspruchsvoller Nebenjob betrachtet. Ziel der Certified-Tester-Qualifikation ist daher auch, dieses Negativimage abzubauen und die Professionalisierung in diesem Bereich voranzutreiben", sagt Andreas Spillner, Sprecher des GI-Arbeitskreises TAV. Die Institutionalisierung und Vereinheitlichung der Ausbildung zum Certified Tester macht die Vielfalt der definierten Testaufgaben auch für Entwickler nachvollziehbar, indem sie Planung, Design und Automatisierung als zweckgebundene spezifische Entwicklungsaufgabe erkennen.

Anerkennung fehlt in vielen Fällen

Um nicht nur deutschlandweit, sondern auch im europäischen Rahmen gesicherte Qualitätsstandards der Ausbildung festzuschreiben, wacht das so genannte European Testing Board über die Arbeit der jeweiligen Landesgesellschaften. Vorreiter bei der Ausbildung ist Großbritannien - dort wurden seit 1998 über 4000 Zertifikate auf Foundation Level ausgestellt.

Die Chancen, dass diese Zahl in Deutschland noch getoppt wird, stehen gut: Viele IT-Unternehmen planen, den Certified Tester zur Pflichtqualifikation für ihre Testabteilungen zu machen. Für Eberhard Binder von Hewlett-Packard in Böblingen ist das eine logische Konsequenz: "Auch für motivierte Mitarbeiter ist es ein weiter Weg, die entsprechende Qualifikation aufzubauen. Letztlich wird ein Testingenieur nur erfolgreich sein, wenn seine Arbeit von Entwicklungsingenieuren und Projektleitern anerkannt wird."

Veröffentlicht Computer Zeitung, Ausgabe Nr. 21, 21. Mai 2002